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Artist Spotlight

Cemre Nomer im Gespräch

Rhyality Team, 13. August 2026

Bildschirmfoto 2026 07 08 um 12.16.46 Foto: Cemre Nomer

Wenn Glitches zu Geschichten werden. Über digitale Kunst, Glitches, Immersion und die Entstehung von „Glyph in the Matrix“.

Ein digitaler Glitch gilt meist als Störung. Etwas, das behoben werden muss. Doch was, wenn genau diese vermeintlichen Fehler neue Perspektiven eröffnen? Wenn sie Spuren sind, die uns dazu einladen, genauer hinzusehen, Zusammenhänge neu zu entdecken und unsere eigene Wahrnehmung zu hinterfragen? 

Mit ihrer Ausstellung Glyph in the Matrix lädt die Künstlerin Cemre Nomer dazu ein, genau diesen Fragen nachzugehen. Zwischen Malerei, Installation und digitaler Kunst erforscht sie Themen wie Identität, Erinnerung und die Beziehung zwischen Mensch und Technologie.

Die in der Türkei geborene und heute in Zürich lebende Künstlerin und Kuratorin Cemre Nomer verbindet in ihrer interdisziplinären Praxis Malerei, Installation und digitale Medien. Neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit kuratiert sie seit drei Jahren Ausstellungen mit Espace Formaline.

„Wir betrachten Glitches meist als Fehler, die beseitigt werden müssen. Mich faszinierte die Vorstellung, sie stattdessen als bewusste Zeichen zu verstehen.“

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Eine Reise ohne festen Kurs 

Künstlerische Wege verlaufen selten geradlinig. Bei Cemre Nomer sind es unterschiedliche Erfahrungen, Begegnungen und Entdeckungen, die ihren Weg geprägt haben – von ihrem Umzug in die Schweiz bis zur Arbeit mit digitalen Werkzeuge.  

Wie würdest du deinen künstlerischen Weg bisher beschreiben? 

„Wenn ich meinen bisherigen Weg mit einem einzigen Wort beschreiben müsste, wäre es wohl ‚Meandering‘. Der Begriff stammt aus der Geografie, mit der ich aufgewachsen bin. Er beschreibt die Bewegung eines Flusses: langsam, ohne eine klare Richtung und doch stetig.“

Meine Reise dauert an, soweit meine Erinnerungen zurückreichen. Mit 18 Jahren in die Schweiz zu ziehen und hier ein neues Leben aufzubauen, Menschen zu finden, die zu meiner Familie geworden sind, von Inclusion Europe zu entdecken und mit digitalen Werkzeugen wie Blender zu arbeiten, sind nur einige der Erfahrungen, die meinen künstlerischen Weg geprägt haben. Und die Liste ist noch lange nicht vollständig.

Zwischen Realität und Virtualität 

Technologie ist in Cemres Arbeiten nie Selbstzweck. Vielmehr wird sie zum Ausgangspunkt, um über Wahrnehmung, Identität und die Grenzen zwischen Realität und Virtualität nachzudenken.

Deine Arbeiten bewegen sich oft zwischen physischer und virtueller Welt. Welche Rolle  spielt Technologie dabei? 

„Ich sehe Technologie als eine Erweiterung unseres Bewusstseins. Von den drei Möglichkeiten würde ich sie deshalb wohl am ehesten als Medium bezeichnen.“

„Meine Faszination für virtuelle Welten entstand aus dem Gedanken, dass unser Bewusstsein den Tod unseres Körpers vielleicht überdauern könnte. Die Vorstellung, dass wir eines Tages in unterschiedlichen Universen weiterleben oder mithilfe von Technologie sogar einen künstlichen Körper erhalten könnte, um den Tod zu überlisten, gab mir Trost.“

Die Frage nach Identität begleitet Cemres künstlerische Arbeit seit vielen Jahren und entwickelt sich mit jedem neuen Projekt weiter.

Hat sich dein Verständnis von Identität im Laufe der Jahre verändert? 

„Identität und die Widerstandsfähigkeit des Selbst gehören schon seit Langem zu den zentralen Themen meiner Arbeiten. Mit den Veränderungen meines eigenen Selbst und den Entwicklungen, die ich bei Menschen in meinem Umfeld beobachtet habe, haben sich auch meine Vorstellungen von Identität und Selbst immer wieder verändert.“

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Vom Gedanken zum Kunstwerk 

Ob Malerei, Installation oder Multimedia – Cemres Arbeiten entstehen nicht nach einer festen Methode. Vielmehr entwickelt jedes Projekt seinen eigenen Weg.

Wie entscheidest du, ob eine Idee zu einer Malerei, Installation oder etwas anderem wird? 

„Meine Arbeitsweise folgt dem, was ich gerne als ‚Fck-around-find-out‘-Prinzip bezeichne.  Ich habe auf meinem Handy eine Liste mit Ideen – Dinge, die ich sehe, höre oder erlebe. Sobald mich etwas besonders interessiert, beginne ich  zu recherchieren. Ich folge unterschiedlichsten Gedankengängen, suche nach Definitionen, schreibe  Notizen, zeichne und lasse neue Verbindungen entstehen.»

Wenn Glitches Bedeutung bekommen 

Der Titel Glyph in the Matrix weckt Fragen. Doch was steckt eigentlich hinter dem Namen der Ausstellung? 

Wie ist die Idee zu Glyph in the Matrix entstanden? 

„Die Idee entstand aus meiner Faszination für Etymologie – also die Herkunft von Wörtern – und der Matrix-Trilogie. Glitches werden meist als Fehler gesehen, die beseitigt werden müssen. Mich faszinierte der Gedanke, sie stattdessen als eigenständige Figuren oder bewusste Zeichen zu betrachten.“

In Glyph in the Matrix wird der Glitch nicht als Fehler, sondern als Teil der Erzählung verstanden. Was bedeuten Unvollkommenheiten für dich? 

„Wenn von Unvollkommenheit die Rede ist, denke ich immer an den Goldenen Schnitt. Viele verbinden ihn mit perfekter Symmetrie. Tatsächlich geht es aber um Proportionen und nicht um Spiegelung – genau das schafft Harmonie und Dynamik, nach der unser Auge sucht.

Für mich ist der Goldene Schnitt deshalb ein schönes Bild für Unvollkommenheit. Wir versuchen Fehler zu vermeiden und bewegen uns doch immer wieder auf sie zu.“

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Der Raum als Teil des Kunstwerks 

Immersion spielt in Glyph in the Matrix auf mehreren Ebenen eine Rolle. Sie beschreibt nicht nur die Art, wie wir Kunst erleben, sondern auch, wie die Ausstellung entstanden ist.

Was bedeutet Immersion für dich persönlich? 

„Da ich technologische Entwicklungen als Erweiterung unseres Bewusstseins verstehe, ist Immersion für mich der Weg, sie in unsere Realität zu integrieren.

Wenn wir vollständig in eine virtuelle Welt eintauchen können – etwa in einem Videospiel -, dann deshalb, weil Atmosphäre, Figuren, Klang und visuelle Gestaltung gemeinsam eine Realität erschaffen, die wir als glaubwürdig akzeptieren.“

Diese Sichtweise prägte auch die Entwicklung von Glyph in the Matrix. Die Rhyality Immersive Art Hall wurde dabei nicht nur zum Ausstellungsort, sondern zum Teil des kreativen Prozesses.

Wie hat die Rhyality Immersive Art Hall deine Arbeit beeinflusst?

„Das enorme Volumen der immersiven Halle war für mich zugleich Inspiration und Herausforderung. Während der Arbeit an Glyph in the Matrix entstand für mich ein spannendes Gleichgewicht zwischen dem kreativen Prozess und der physischen Präsenz der Werke. AFK, die Multimediaarbeit im immersiven Raum, wurde speziell für diesen Ort entwickelt – mit dem Bewusstsein, dass sich die horizontale Projektion über 360 Grad erstreckt, das menschliche Sichtfeld jedoch nur etwa 200 Grad umfasst. Gerade die Grenzen unseres Sehens wurden zu einer der wichtigsten Inspirationen für die Zusammenarbeit mit der Rhyality Immersive Art Hall und lassen sich in den Arbeiten der gesamten Ausstellung wiederfinden.“

Die Kraft der Neugier 

Glyph in the Matrix lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, genauer hinzusehen. Nicht alles offenbart sich auf den ersten Blick und genau das ist Teil der Erfahrung. 

Welche Rolle spielt das Publikum in deinen Arbeiten? 

„Ich schreibe dem Publikum eigentlich keine feste Rolle zu. Gleichzeitig mag ich den Ausdruck ‚Curiosity killed the cat‘ überhaupt nicht. Für mich ist Neugier das, was uns die Fähigkeit gibt, Zusammenhänge zu erkennen. Sie ist der Ursprung dessen, was uns erfinden, gestalten und Neues erschaffen lässt.

Wenn sich jemand bewusst Zeit nimmt, meine Arbeiten zu erkunden, entsteht für mich eine Verbindung. Aus Wertschätzung verstecke ich deshalb gerne kleine ‚Easter Eggs‘, die besonders aufmerksame Besucherinnen und Besucher entdecken können.“

Statt ihrem Publikum konkrete Antworten oder Fragen mitzugeben, wünscht sich Cemre, dass jede Besucherin und jeder Besucher eigene Gedanken entwickelt. Mit uns teilt sie jedoch einige der Fragen, die sie während der Entwicklung von Glyph in the Matrix begleitet und ihren künstlerischen Prozess geprägt haben. Dazu gehören unter anderem:

  • Wie können wir Realität von Virtualität unterscheiden, wenn unsere Sinne beginnn, uns zu täuschen? 
  • Ab wann hört Virtualität auf, eine Erweiterung unserer Realität zu sein und wird zu einer eigenen Realität? 
  • Warum erschaffen wir kuratierte Versionen unserer selbst im digitalen Raum und verändert das langfristig, wer wir sind? 
  • Existiert ein vorbestimmtes Schicksal und wäre ein Glitch dann vielleicht gar kein Fehler, sondern Teil davon? 

Wie geht die Reise weiter? 

Auch nach Glyph in the Matrix setzt Cemre ihre künstlerische Reise fort – mit neuen Ausstellungen, neuen Räumen und vermutlich auch neuen Fragen.

Was kommt nach Glyph in the Matrix? 

Nach unserer Zusammenarbeit mit der Rhyality Immersive Art Hall steht im September bereits eine Ausstellung im bonustrack in Zürich an, später im Jahr folgt eine weitere im Schenkhaus Zürich. Für 2027 sind ausserdem mehrere Einzelausstellungen geplant. Ausserdem beginne ich das Jahr mit einer Artist Residency im Paradiesli in Sigriswil. Ich freue mich darauf, euch auch dort zu sehen.